Humanisierung gewinnt?!

Veränderung im digitalen und globalen Umfeld.

An die Digitalisierung und die Globalisierung haben sich die Unternehmen und die Menschen gewöhnt, sich damit eingerichtet oder zumindest abgefunden. Ein erfolgreiches Wirtschaftsleben ohne Digitalisierung gibt es nicht. Doch womit setzten wir uns künftig auseinander? Dazu gibt der Zukunftsforscher Tristan Horx an der Herbsttagung der SGO nachdenkliche Impulse. Lista Office LO hat diesen Event als Hauptsponsor unterstützt.

Es gibt kaum einen Geschäftsführer, der sich in den vergangenen Jahren nicht mit der Digitalisierung auseinandergesetzt und sein Unternehmen digital fit gemacht hätte. Anpassungen sind noch immer im Gange. Besonders auch in den kleineren und mittleren Unternehmen gilt es die Vorteile zu nutzen. „Die Digitalisierung ist ein Hype, der aber meiner Meinung nach bereits wieder zurückgeht“, meint der 26jährige Trendforscher Tristan Horx vom Zukunftsinstitut in Frankfurt und Wien dazu. Die Erforschung der künftigen Trends basiert vor allem auf der Gegenwart. Dabei fliessen nicht nur die technologischen Innovationen, sondern auch die gesellschaftlichen Verhaltensweisen und Wertvorstellungen gleichermassen ein, berichtet er. Zu bedenken sei, dass sich Trends in der Zukunft nie linear entwickeln. Entweder sei der Verlauf exponentiell ansteigend oder exponentiell untergehend. Zudem gleiche der Verlauf weniger einer glatten Linie, sondern eher einem Wollfaden, der von einer Katze zerknäuelt worden sei.

Auch die Logik könne bei Trends nicht zu Rate gezogen werden. So zeige der neuste auszumachende Trend ein steigendes Sicherheitsbedürfnis, obwohl die Welt immer sicherer werde. Ein weiterer Trend sei das Down-Aging: Die Menschen verhalten sich durchschnittlich pro Generation um 7,4 Jahre jünger, als sie wirklich sind. Auszumachen sei auch die Individualisierung, die früher noch in der Pubertät erkämpft wurde. Heute werden die Babies als Individuen geboren und müssen eine Gemeinschaft finden, beobachtet Horx.

Jeder Trend hat einen Gegentrend
Doch egal, wie sich ein Trend entwickelt: Zu jedem Trend entstehe auch ein Gegentrend. Dieser sei in der Globalisierung gut auszumachen. Regionales und Lokales gewinnen wieder mehr Bedeutung. Aus Trend und Gegentrend entstehe dann die Synthese, die Horx in diesem Fall als Glokalisierung bezeichnet. Die kulturellen Prozesse werden sich vermischen, meint er, man werde global verbunden sein aber dennoch lokale Wurzeln haben. Die globale Verbundenheit fusst auf der Digitalisierung, weshalb Horx letztere lieber als Konnektivität bezeichnet. Dank der Konnektivität sei in der Globalisierung die lokale Kleinheit nicht mehr zum Untergang verurteilt, sondern könne durchaus teilhaben an der Weltgeschäftstätigkeit. So könne man in einer abgelegenen Gegend wohnen, das Gemüse vom lokalen Bauern essen, aber jederzeit Geschäfte mit Personen tätigen, die in der ganzen Welt verteilt sind, beschreibt es Horx.

Der Wandel geht langsam voran
Die Konnektivität erlaubt den Unternehmen auch, dass ihre Mitarbeitenden jederzeit und überall arbeiten können. Wie dies in der Praxis umgesetzt wird, davon weiss Claudio Amoroso von der Swiss Re zu berichten. Den Ausschlag zur Umgestaltung der Arbeit gab die globale Geschäftstätigkeit des Unternehmens und weil heute selbstbestimmtes Arbeiten statt überwachte Tätigkeit gefragt sei. „Wir definieren die Ziele mit dem Team. Dieses bestimmt selber, wie es die Ziele erreichen will. Ausserdem gibt es in der Organisation neben den klassischen hierarchischen Strukturen, neu auch Teams, die in flache, agile Organisationsstrukturen überführt wurden und entsprechend arbeiten. Diese Umstellung ist für die Mitarbeitenden nicht immer einfach und bedinge unter anderem auch einen Wechsel der Haltung, Verantwortung zu übernehmen oder wie man Aufgaben angeht, meint er.

Der Wandel zum selbstbestimmten Arbeiten ging bei Swiss Re einher mit der Einführung eines flexiblen Arbeitskonzepts. Dies bedinge flankierende Massnahmen: „Wenn man den Menschen den fixen Arbeitstisch wegnimmt, kann das bei gewissen Personen das Gefühl auslösen, man wolle, dass sie vermehrt ausserhalb des Büros arbeiten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Man möchte, dass für die Leute die Kollaboration und Kommunikation im Büro vereinfacht wird.“ Damit sich die Mitglieder eines Teams auch stets problemlos finden, kann ihr momentaner Arbeitsplatz innerhalb des Gebäudes jederzeit über das Smartphone gefunden werden, sofern die Funktion von den Mitarbeitenden freigeschaltet ist.

Mehr Mensch, mehr Achtsamkeit
Die Möglichkeit zur ständigen digitalen Verbundenheit führt laut Horx in die digitale Einsamkeit, denn „das Netz löst Verbindungsfragen, aber keine Beziehungsfragen“, meint er lakonisch. Um der ständigen Reizüberflutung der Konnektivität zu entkommen, habe beispielsweise die Jugend – für welche die Digitalisierung übrigens kein Problem, sondern Normalität ist – einen sogenannten Bullshit-Filter entwickelt, mit dem uninteressante Reize ausgeblendet werden. „Inzwischen mag man die Diskussionen um Digitalisierung oder Konnektivität nicht mehr hören“, beobachtet er. Der Gegentrend zur digitalen Überreizung, der Trend zur Achtsamkeit habe eingesetzt.

In Zukunft werde sich die Dichotomie ‚Real versus Virtuell’ auflösen, ist Horx überzeugt. „Das Digitale und das Reale werden ineinander übergehen.“ Die Digitalisierung respektive die Konnektivität werde das Handeln in der realen Welt unterstützen. Damit wird sie zu einem Hilfsmittel und steht nicht mehr für sich alleine. Für das Wirtschaftsleben bedeute dies, dass digitale Geschäftsmodelle nur dann Bestand haben, wenn sie sich auch in der realen Welt bewähren. Konkret mache es also durchaus Sinn, die kundenfernen Prozesse zu digitalisieren, an der Front aber persönlich die Kunden zu betreuen. Um die Digitalisierung optimal in die Organisation einzubinden, empfiehlt Horx eine Übersetzungsstelle zwischen Management und IT zu schaffen, um die Zusammenarbeit reibungsarm zu gestalten.
Text: Charlotte Pauk / Foto: ©Markus Senn

SGO
Die Schweizerische Gesellschaft für Organisation und Management (SGO) bietet eine Vielzahl von Netzwerkgefässen für den professionellen Wissens- und Erfahrungsaustausch von Fach- und Führungspersonen in der Privatwirtschaft an. Jedes Jahr vertieft die SGO an ihrer Herbsttagung eine aktuelle Fragestellung der Wirtschaft und der Organisationen mit verschiedenen Referaten und begleitenden Workshops. www.sgo-verein.ch

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