Greutmann Bolzern Designstudio – ein Duo mit klaren Visionen

Das Schweizer Designer-Duo Urs und Carmen Greutmann widmen sich in einer alten Zigarettenfabrik dem künftigen Erscheinungsbild von Bürowelten. Ein Besuch in ihrem Atelier zeigt nicht nur die Vielfalt ihrer Arbeit auf, sondern ist auch eine Reise in die Designsprache der vergangenen 20 Jahre.

Zwölf grimmige Wölfe versperren den Weg in das Designstudio von Urs und Carmen Greutmann. «Damit möchten wir Einbrecher erschrecken», lacht Carmen Greutmann und läuft um die Kunstinstallation am Boden durch die grosszügige, lichtdurchflutete Halle im zweiten Stock einer ehemaligen Zigarettenfabrik in Zürich.

Zwischen dem Stadtfluss Limmat und dem nächtlichen Strassenstrich liegen die Räumlichkeiten von Greutmann Bolzern auf verschiedenen Stockwerken. Die beiden ausgebildeten Hochbauzeichner sind wahre Designexperten – von Leuchten, über Stühle und Tische, Flughafen-Lounges und Ausstellungen bis hin zu Raummöbeln verfügen sie über ein vielfältiges Repertoire. «Es war immer unser Ziel, sehr breit aufgestellt zu sein», sagt Urs Greutmann während des Rundgangs durch das insgesamt 300 Quadratmeter grosse Atelier. Das sei einerseits aus wirtschaftlich-ökonomischen Überlegungen heraus entstanden, anderseits aber vor allem wegen des Spassfaktors. «Wir beschäftigen uns andauernd wieder mit neuen Branchen, Kulturen, Menschen, Bilderwelten und Objekten», sagt Urs Greutmann.

Jedes Werk 1:1 
Bei Greutmann Bolzern befindet sich im dritten Stock, oberhalb des Loftbüros, eine Modellbauwerkstatt. Ein hauseigener Modellbauer entwickelt dort jede Kreation des Duos im Massstab 1:1 originalgetreu nach. «Eine eigene Modellwerkstatt ist ein Luxus», sagt Carmen Greutmann. Wenigen Designern steht ein solches Mittel zur Verfügung. Für das erfolgreiche Team ist die Modellwerkstatt sehr wichtig: «Denken mit den Händen», sagt Carmen Greutmann. Ihre Arbeiten müssten dreh-, wend- und greifbar sein, «von oben bis unten»,  sagt sie. Nur mit allen Dimensionen sei die Wirkung eines Möbels oder eines Objektes bis ins letzte Detail erkennbar, ist das Paar überzeugt. Zurzeit wird eine längliche, kubische Bar in der Werkstatt geformt – unterstützt durch eine Lackiererei eine Tür weiter.

Greutmann Bolzern verfügen in der alten Zigarettenfabrik über viel Platz: Deshalb lagern sie auf dem Dachgeschoss in einem Archiv die Schätze ihres kreativen Schaffens. «Wahnsinn, was hier alles herumsteht», staunt Carmen Greutmann bei einer Führung. «Hier ist auch unser Stuhlfriedhof», meint ihr Mann und zeigt auf einen Stuhl, der seine Inspiration bei einem Kaffeebecher gefunden hat. Dieses und weitere Projekte, die nicht realisiert wurden, aber auch solche, die eine «kreative Pause» benötigen, stehen auf dem Estrich. Die meisten Objekte im Dachgeschoss stehen jetzt aber bis zu hundertmal grösser als konkretes Produkt irgendwo auf der Welt und werden von Menschen zum Arbeiten benutzt. Eine Lounge der Schweizer Fluggesellschaft Swiss, ein Bankschalter, eine futuristische LED-Leuchte, neue Verkaufsbereiche für die SBB oder sogar ein Tourwagen für die Opernsängerin Cecilia Bartoli. «Und natürlich Büroeinrichtungen ohne Ende», lacht Urs Greutmann.

Umtriebiges Paar
Das Duo arbeitet gerne mit Miniaturen, kleinen Stühlchen und Häuschen. «Ein Modell ist viel kritischer und ehrlicher», erklärt Carmen Greutmann. Eine Visualisierung oder ein Rendering schaue immer gut aus, man könne es eben perfekt inszenieren. «Bei einem Modell muss man Entscheidungen treffen.» Das sagt die Designerin auch ihren Studenten. Seit acht Jahren teilt sich das Paar eine Professur für Produktdesign an der Akademie der Bildenden Künste in München. An zwei Tagen pro Woche wohnen sie in einer Zweitwohnung in Bayerns Hauptstadt. «Die Studenten stimulieren auch unsere Sichtweisen immer wieder aufs Neue, weil sie hinterfragen und uns dadurch neue Inputs geben», erklärt Urs Greutmann. Auch die beiden Designer haben sich während des Studiums kennengelernt und nach der Ausbildung ihr Büro gegründet – nicht nur als Arbeitsgemeinschaft, sondern auch als Paar. Urs und Carmen Greutmann haben einen Sohn und eine Tochter im Erwachsenenalter und sind seit 27 Jahren selbstständig. Ihr erstes Projekt befasste sich – natürlich – mit Büroeinrichtungen.

Langjährige Beziehungen
Greutmann Bolzern, die im Firmennamen ihre ledigen Namen verwenden, wirken auch im klassischen Bereich des Industriedesigns: Zurzeit sind sie in einem Wettbewerb für die Entwicklung von edlem Geschirr für die Business Class einer Fluggesellschaft. Hinzu kommt noch eine Schnittstelle zur Kunst. Für den Think Tank Swissnex in San Francisco kreierten sie eine Ausstellung, die Anfang Dezember 2011 in der amerikanischen Metropole gezeigt wurde. Manchmal wissen sie selbst nicht mehr, was alles im Hausarchiv schlummert: «Hier haben wir eine Lounge für die Swiss entwickelt», erzählt Urs Greutmann und deutet auf eine Modell-Landschaft unter einer Plastikplane. «Nein, das war doch Lufthansa in Frankfurt», korrigiert seine Frau. Mit zahlreichen Kunden pflegen die Greutmanns eine langjährige Zusammenarbeit – so auch mit Lista Office LO.

Mindport – die perfekte Symbiose
Seit rund 15 Jahren sind Urs und Carmen Greutmann die Hausdesigner des Büro-spezialisten aus Degersheim. So haben sie im Jahre 2002 bei der Einführung der neuen Corporate Identity von Lista Office LO mitgewirkt. Entstanden ist eine Wand, die an einen Schweizer Käse erinnert. Diese Optik wird heute landesweit in den Showrooms von Lista Office LO eingesetzt. «Wir wollten mit diesen Löchern ein offenes Raumgefühl erzeugen», erklärt Urs Greutmann die Idee. Er zieht einen kleinen Miniatur-Möbel aus einem Regal, pustet den Staub weg: «Das ist eines der vielen Produkte, die wir für Lista Office LO entwickeln durften», meint er. Das grösste Projekt für den Bürodienstleister war in den vergangenen Monaten jedoch Mindport und das Schranksystem LO One. «Das Spannende an diesem Objekt ist, dass es eine Schnittstelle zwischen Raum und Möbel ist», sagt Carmen Greutmann. Auch die Arbeit von Greutmann Bolzern ist eine ständige Symbiose zwischen Architektur und Produktdesign. «Deshalb passte dieses Projekt sehr gut zu uns», sagen sie. Ihr Lieblings-Mindport ist übrigens der Touch Down, wie sie verraten. Ein prägnantes Raummöbel sollte eben auch «weich» und «einladend» sein. «Der Sprung vom Möbel zum Raum muss bei den Menschen Emotionalität auslösen», sagt Urs Greutmann. Seine Frau fügt an: «Wir wollten, dass Lista Office LO mit ihrem Werkstoff Stahl ehrlich umgeht und ihn mit Stolz einsetzt.» Die «runde» Konstruktion aus Stahl beim Mindport sei eine technische Herausforderung für die Konstrukteure von Lista Office LO gewesen, «die sie aber gut gemeistert haben, wie man am Resultat erkennen kann».

Auf das Wesentliche reduziert
Genauso weiss wie die Oberfläche des Mindports ist das grosszügige Atelier des Duos, wo neben den beiden Gründern vier Designer und eine Innenarchitektin tätig sind. Die Buchhaltung macht die Chefin selbst. Ihr Arbeitsplatz besticht durch alte, inzwischen wertvolle Büro-Klassiker und einen ausgemusterten Swissair-Trolley neben selber designten Bürotischen und Hockern. In der Mitte des Raums hängt ein riesiger Kokon, ein kunstvolles Geflecht aus Kabelbindern. Simpel, aber ausgeklügelt – wie die Sprache von Greutmann Bolzern, die sich immer um Reduktion dreht. «Alles, was man weglassen kann, erschafft am Ende ein funktionelles Möbel», sagt Urs Greutmann. «Bis wir das geschafft haben, zeichnen, basteln und verwerfen wir – und das ist das Schönste an der Arbeit», sagt seine Frau. Die beiden sympathischen Designer sind oft auch am Wochenende im Studio – manchmal zum Arbeiten, aber manchmal auch für Partys. Im Erdgeschoss verfügen sie über einen grossen Raum, der gerne für Geburtstage gemietet wird. 

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